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47. Das Café: ein Ort des gesellschaftlichen Lebens in Europa

Für Louis-Antoine Caraccioli (Paris. Das Muster aller Nationen oder das französische Europa, 1777), scheint das Café im 18. Jahrhundert in allen großen Städten zum Ort der europäischen Geselligkeit par excellence geworden zu sein.

Von den Kaffeehäusern

Wer hätte sich vor zweihundert Jahren eingebildet, dass eine kleine Bohne, welche aus Arabien herkam, in Europa eine Menge ebenso angenehmer als Häuser hervorbringen werde, wo sich die Bürger versammeln, die Fremden sich mit Gesprächen unterhalten, wo man mit unschuldigen Spielen den Verdruss und die Langeweile vertreiben würde.

Rom, Paris, London genießt täglich den Wert einer solchen Einführung. Man sieht zu Venedig sogar die vornehmen Frauen die Kaffeehäuser besuchen, und durch ihr Beispiel (welchem bisweilen könnte nachgefolgt werden) beweisen, wie viel Vergnügen und allen ehrlichen Leuten offener Ort in sich hat.

Den Kaffeehäusern hat man eine Menge vertraulicher Freundschaften zu danken, welche von den Reisenden sind geschlossen worden. In einer jeden Stadt sind sie das Zeichen der Wiedervereinigung; und viele wüssten nicht ihre Zeit hinzubringen, wenn sie nicht da wären.Das Dictionnaire encyclopediquelii nennt sie sowohl gute als schlimme Werkhäuser des Streites, und man muss bekennen, dass sie oft für die Autoren Orte zum Fechten gewesen sind. Man erinnert sich noch immer, wie sehr die Kaffeehäuser waren besucht worden, welche zu Paris in der Nachbarschaft der französischen Komödie gelegen sind, als gewisse Schriftsteller nach der Mode von der Staatskunst, von der Wissenschaft in allerlei Sachen der Gelehrten und von der Weltweisheit da Schule hielten.

Es gibt noch immer von dieser Gattung, wo der Ausländer neue Zeitungen, sowohl falsche als wahre, auszustreuen und die guten Komödien von den Schlimmen zu unterscheiden erlernt, sofern anders ein heimliches Verständnis sich nicht einmischt.

Überdies, da die Kaffeehäuser der Sammelplatz der jungen Leute sind, welche den vorzüglichen Moden nachgehen, ist man versichert, da neue Frisuren, die neuen Haarlocken, die neuen Zeuge zu sehen.

Eine gleiche Beschaffenheit hat es mit den Kaffeehäusern der anderen Nationen. Der Franzose, welcher reist, vorwitzig gesehen und gesehen zu werden, unterlässt nicht, sich da einzufinden, und in einem Augenblicke lehrt er all die, welche sich da befinden, die Art der Halsbinde zuzuknüpfen, die Haare abzuteilen, einen Frack zuzuknöpfen. Man sieht ihn mit unverrückten Augen an, so artig und schön scheint er, da indessen ihm alle zuhören, welche ihn umgeben.

Wenn er die Landessprache nicht kann, redet er die seinige. Ein jeder sagt bei sich, es sei in der Tat an ihm viel gelegen, und nimmt sich vor, ihn nachzuahmen. Denselben Tag noch werden die Schneider berufen, um die Form seines Kleides genau nachzuahmen.

Die Väter ihrer alten Gewohnheit ergeben, sehen diesen Schritt als einen Eingriff in ihre Gebräuche an; sie murren, sie werden zornig: aber ihre Söhne sind schon nach der neuen Mode gekleidet, und dies ist ein Strom, welchen man nicht zurückhalten kann.

Auf diese Weise nimmt man ihn in den Kaffeehäusern sowohl zu München als zu Berlin, zu Lüttich wie zu Rotterdam, allein auf das Beschauen eines Franzosen seine Art zu sitzen, und sich zu stellen an sich.

Die Kaffeehäuser, da sie der gewöhnliche Wohnsitz der jungen Leute, so geschieht es alle Zeit durch sie, dass die Zierlichkeit der Mode eingeführt wird, weil sie die besondere Gabe sich der Neuigkeiten zu bemächtigen. Man hat ein Gefallen zu sehen, dass sie die Flagge der Veränderung ausstecken.

Ehemals blieben die Europäer in ihren Häusern verschlossen: Dermalen gehen sie hervor und lieben den Umgang. Wenn es noch gewisse stolze Nationen gibt, welche fürchten, ihre Ehre zu wagen, wenn sie auf dem Kaffeehause erscheinen, so mussten Fürsten selbst sie lehren, dass man von dem feinen Ansehen nichts verliert, wenn man sich da sehen lässt. Mehr als einmal, da sie reisten, erschienen sie da inkognito, obschon sie jedermann kannte. Dieses verhindert nicht, dass nicht ein Kaffeehaus ein elender Ort sei für alle die, welche zu wachsen ihre Tage zubringen; und leider sind die gar zu müßig, welche diese Lebensart ergreifen. Morgens zehn Uhr finden sie sich da ein, und erwarten mit Ungeduld den Augenblick zu Mittag zu essen, und um drei Uhr nachmittags gehen sie wieder dahin, in der Hoffnung, eine gute Abendmahlzeit zu halten.

Louis-Antoine Caraccioli, Paris, das Muster aller Nationen oder das französische Europa (1777).

Rechtefreier Originaltext (Edition von 1777) unter: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1156961

Rechtefreie Audioversion des Originaltextes unter: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1156961/f3.vocal


lii Die Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert, als Bestseller der Aufklärung, enthält einen kurzen anonymen Artikel über ‘Cafés’, der diese als Resultat des Kaffeekonsums beschreibt. ‘Alle Arten von Getränken werden dort konsumiert, sowie geistreiche Gespräche getätigt, gute wie schlechte.’