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30. Das Reich der Vernunft

Die politischen Ideen des Stanislas Leszczynski (1677-1766),xxxii König von Polen, dann Herzog von Lothringen, lässt sich durch eine Mischung von Pragmatismus und Idealismus charakterisieren. Um mit seinen Nachbarn in Frieden zu leben, muss ein Staat sich fürchten lassen. Aber er wird nur langfristig seine Herrschaft wahren, wenn seine Gesetze dem Gebot der Weisheit gehorchen und der Herrscher selbst tugendhaft waltet. In seinem Gespräch eines Europäers mit einem Inselbewohner des Königreiches von Dumocala lässt er einen Reisenden, dessen Schiff in unbekannten südlichen Gefilden Schiffbruch erlitten hat, mit einem ehrbaren Mann diskutieren, einer Art Brachmane, auf den er am dritten Tag seiner Ankunft trifft.

Sie irren sich, setzte er erneut an [der Brachmane]: Unsere Insel ist isoliert, das ist wohl wahr; aber sie ist riesig. Es gehört uns nur der Hauptteil von ihr und wir haben Nachbarn, die umso eifersüchtiger auf unsere Macht sein müssten, als es niemanden unter ihnen gibt, die ihr gleich käme. Jeder von ihnen ist allein wenig zu fürchten, aber sie könnten es durch ihren Zusammenschluss werden. Aber unser System schützt uns vor ihren Anfeindungen. Durch unsere Aufrichtigkeit haben wir ihr Vertrauen gewonnen; sie haben so viele Beweise unserer Uneigennützigkeit, dass sie uns ebenso friedfertig einschätzen, wie sie es selbst sein sollten.

Weniger ruhig untereinander, da sie einander misstrauen, liegen sie fast immer im Streit miteinander; und ihre Kriege sind umso grausamer, als sie immer erbitterter geführt werden infolge des Kräftegleichgewichtes, das zu einem Gleichstand ihres Erfolges wird.

Nur ihr Glaube an unsere Weisheit kann das Ende ihres Unglücks bewirken. Sie akzeptieren unseren Herrscher als Schiedsrichter über ihre Streitigkeiten; und dieser, der ja mächtig genug ist, um ihnen den Frieden aufzuzwingen, findet eine größere Ehre, ihnen den Frieden zuzugestehen als ihn zu erzwingen, indem er auf ihre Kosten sein Herrschaftsgebiet erweiterte.

Es handelt sich um eine Art universelle Monarchie, die auf umso festeren Grundpfeilern steht, als diejenigen, die sie unterwirft, daran interessiert sind, sich ihr zu unterwerfen und als die Völker, die von ihr regiert werden, danach streben, ihren Gesetzen zu gehorchen.

Daher rührt auch, dass unsere Truppen, um sie zu erhalten, immerfort bereit sind, dahin zu marschieren, wohin sie gerufen werden. Aber diese Truppen, im Gegensatz zu den üblichen Gepflogenheiten Eures Landes, sind nur dazu bestimmt, Kriege zu beenden und bringen keine Nationen gegen uns auf, die ihren Vorteil in unserer Übermacht finden. […]

Vergleicht also, fügte der Brachmane hinzu, Eure Politik mit der unserigen und seht, welche besser, sicherer und tatsächlich nützlicher ist; diejenige, die man verdächtigen muss, da sie erfolglos bleibt, weil sie danach strebt, unbemerkt zu bleiben oder diejenige, die sich offen zeigt und zwischen den Nationen das Band der Verbindung und der Freundschaft spannt statt Misstrauen und Furcht zu sähen.

Stanislas Leszczynski, Gespräch eines Europäers mit einem Inselbewohner des Königreiches von Dumocala (1752).

Rechtefreier Originaltext (Edition von 1752) unter: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k84469n