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25. Sprachliche Vielfalt in Europa

Louis-Antoine Caraccioli postuliert in seiner Abhandlung Paris, das Muster aller Nationen oder das französische Europa (1777), die Vormachtstellung der französischen Sprache in Europa. Er tritt somit in die Debatte über die Sprachenfrage ein, an der zahlreiche Denker der Zeit teilnehmen, wie z. B. auch Rivarol.xxv

Von den Sprachen

Ein jedes Volk gibt das, was es ist, durch seine Art zu reden an den Tag. Die polnische Freiheit, die deutsche Ernsthaftigkeit, die italienische Verschlagenheit, der spanische Stolz, das französische flüchtige Wesen lassen sich in den unterschiedenen Sprachen und in der Weise, sie auszusprechen, bemerken. Der eine zieht seine Worte, der andere stürzt sie über einander hin; dieser verschlingt sie, jener macht sie klingen.

Wenn es hier der Ort wäre, einer jeden Sprache den Platz anzuweisen, der ihr gebührt, so würde ich sagen, dass nach der griechischen und lateinischen, die italienische als schmeichelnd und wohlklingend; die französische als zierlich und richtig, den Vorzug verdienen. Wenn diese Letzte dermalen die triumphierende ist, so ist sie es, weil sie, natürlich und kurz in ihren Ausdrücken, die Sprache der Gesellschaft ist; die italienische, ihres Wohlklanges halben, scheint weniger geschickt zur Unterredung als zur Musik und zur Dichtkunst.

[…] Man muss zur französischen Sprache zurückkehren, wenn man Gespräche halten will; weniger weitläufig als alle andere, wenige beschwerlich auszusprechen, fordert sie weder die Menge der Worte, noch die Bemühung der Kehle, um den Gedanken Stärke zu geben; was sage ich, sie setzt selbe so zusammen, dass sie ihnen viele Unannehmlichkeiten gibt, ohne sie zu entkräften noch schwülstig zu machen.

Wenn gewisse Schriftsteller gesucht haben auszustreuen, sie sei sehr arm, so geschah es, weil sie die Gabe nicht hatten, sie empor zu bringen, sie wird aber wegen ihrer falschen Beschuldigungen durch das Vergnügen, welches die Europäer sie zu reden genießen, vollkommen gerächt.

Überdies, schreibe man wie Pascal, wie Malebranche, wie Bossuet, wie Rousseau, und alsbald wird man die Welt überzeugen, dass die französische Sprache wahrhaftig reich ist, und dass, wenn sie ihre Art, etwas zu fragen nicht unendlich abändert, sie den Gedanken eine Zierlichkeit und einen Nachdruck gibt, dessen die mittelmäßigen Autoren sie nicht fähig halten.

[…] Der Ausländer hat diese gewaltige Bezauberung gefühlt, er ist gleichsam wider seinen Willen fortgeschleppt worden, seine Muttersprache zu vergessen, um die der Franzosen zu reden. Man erstaunt, dass man an dem Hofe zu Wien, zu Petersburg, zu Warschau wie an dem zu Versailles Gespräche halten hört. Dort ist eben der Ausdruck, dort die Art der Aussprache.

Franzosen, empfindet den ganzen Wert einer dergleichen Ehre und befleißet euch, mehr als jemals eine Sprache zu bereichern, welche fast allgemein geworden ist.

Der Pariser, welcher in Europa reist, wird kaum gewahr, dass er Paris verlassen hat, er findet keine Stadt, wo man ihm nicht antworten kann.

[…] Diese Sprache hat den Ruhm, dass sie den Engländern fast alle Redensarten der Wissenschaften und der Künste verschafft hat. Diese stolzen Einwohner der Inseln, welche niemand etwas wollen schuldig sein, sind genötigt worden, den Franzosen eine Menge der nachdrücklichsten Worte zu stehlen; und es ist keine Jahreszeit, wo sie nicht in Schwärmen nach Frankreich kommen, um da die Sprache der Corneille und der Racine zu erlernen. Es ist noch ein anderer Vorteil der französischen Sprache, sich in der Dichtkunst in die Höhe zu schwingen, so sehr als diese Kunst erhaben ist, und den sinnreichsten Gedanken einen neuen Glanz zu geben.

Louis-Antoine Caraccioli, Paris, das Muster aller Nationen oder das französische Europa (1777).

Rechtefreier originaltext (Edition von 1777) unter: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1156961

Rechtefreie Audioversion des Originaltextes unter: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1156961/f3.vocal


xxv Rivarol (Antoine de Rivaroli, 1753-1803) erhielt 1784 den Preis der Akademie von Berlin für seinen Discours sur l’universalité de la langue française (Rede über die Universaltät der französischen Sprache). Friedrich II. ernannte ihn daraufhin zum assoziierten Mitglied der Akademie.